Methodik | Vergleich zwischen Michel Foucault und Theodor W. Adorno

Und so war unser83 Grundsatz: Theoretischer Pessimist zu sein und praktischer Optimist!
Max Horkheimer
Meine Position führt nicht zur Ataphie, sondern zu einem Aktivismus, der den Pessimismus nicht ausschließt.
Michel Foucault

Schon bei Nietzsche ist ein gewisser Grad an Pessimismus nicht zu leugnen. Doch dieser Pessimismus ist bei ihm, genauso wie bei Foucault und Adorno, nicht einfach Pessimismus. Nietzsche trennt sich hierbei vom „romantischen Pessimismus“ ab.

Dies ist nur ein Grundton und gleichsam der Auftakt von Gemeinsamkeiten zwischen Michel Foucault und der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, respektive Theodor Adornos.

Methodik | Vergleich zwischen Adorno und Foucault

Mit der Abwehr des von Hegel in beispielloser Weise geförderten Patronats der Vernunft stand Foucault nicht allein. Wenn ihm die ‚Frankfurter Schule’ rechtzeitig bekannt gewesen wäre, … dann wären ihm viele Umwege der letzten Jahre erspart geblieben.
Ralf Konersmann

Die Methode ist es letztlich, die trotz aller Gemeinsamkeiten die beiden Denker unterscheidet. Adorno war Anhänger der Dialektik und Foucault, mit seinem historischen Ansatz, Genealoge84. Dennoch ist in der Methodenfrage etwas zu beobachten, was in dieser Arbeit nicht fehlen darf, denn worin sich alle drei Philosophen einig sind, ist ihre Kritik an Hegel.

Objektivismus und Positivismus bei Adorno und Foucault

Nietzsche wandte sich ganz offen gegen Hegel. Er war kein Dialektiker, obgleich er dem Vorbild, der Antike, eine wohltuende Rationalität qua Dialektik bescheinigt.85 Zudem wurde die Rationalisierungskritik Nietzsches von Fischer zu Recht als „eine dialektische argumentierende Rationalisierungskritik“86 dargestellt.

Diese Hegel’sche Form der Dialektik ist die positivistische Form dessen, was das Ende des Dionysos’schen darstellt. Sie ist das Ende der Tragödie, die Selbstvernichtung „bis zum Todessprung ins bürgerliche Schauspiel“87 sowie Ausdruck der Affirmation der Vernunft, welche die Sinne tötet. Pessimismus ist sowohl die Ablehnung der Ratio, als auch die Bejahung der Leiden und der Exzesse. Die Methodik dessen ist bei Nietzsche die historische, genealogische Betrachtung. Die Sklavenmoral mit ihrer Askese sieht er in den letzten Jahrtausenden auf dem Vormarsch. Er will sich dem entgegenstellen. Adorno sagte über Nietzsche, er sei der konsequenteste Aufklärer gewesen. Nietzsche will kein „Ja-Sager“ sein und dergestalt ist der Positivismus ein Interpretationsverzicht, der die Welt rein sachlich betrachtet: Eine Welt, die nach seinem Ermessen weder Leid noch Freude kennt.

Für Adorno gilt in etwa dasselbe: So ist die quantitative empirische Sozialforschung ein Positivismus, den er unbedingt ablehnt. Der positivistische Ansatz reproduziert nur das, was die Ideologie produziert hat. Nicht nur, dass er den Blick auf das Gesamte verstellt, es ist wegen seiner rein deskriptiven, unkritischen Art der falsche Ansatz: „Die orthodoxe Sozialforschung war das richtige Bewußtsein eines falschen Zustandes, aber sie nahm diesen falschen Zustand hin, als sei er der richtige.“88 Der Positivismus verkörpert das Rationalitätsideal. Adorno war Dialektiker, allerdings nicht in der positivierten Form Hegels, denn bei Hegel „verpufft [der Geist] im bloß Seienden“89.

In seinem gleichnamigen Buch eröffnet Adorno die „richtige“ Version, die zur Versöhnung und zur „Aufdeckung der Lüge“ führen könnte: Die negative Dialektik.

„Unmittelbar ist das Nichtidentische nicht als seinerseits Positives zu gewinnen und auch nicht durch Negation des Negativen. Diese ist nicht selbst, wie bei Hegel, Affirmation. […] Das Negierte ist negativ, bis es verging. Das trennt entscheidend von Hegel. Den dialektischen Widerspruch, Ausdruck des unauflöslich Nichtidentischen, wiederum durch Identität glätten heißt soviel wie ignorieren, was er besagt, in reines Konsequenzdenken sich zurückbegeben. Daß die Negation der Negation die Positivität sei, kann nur verfechten, wer Positivität, als Allbegrifflichkeit, schon im Ausgang präsupponiert.“90

Natürlich bleibt Adorno mit Hegel verbunden, doch übernimmt er nicht den gesamten Ansatz und verneint den Positivismus eines allumspannenden Weltgeistes, des „Logos“.

Festzuhalten ist, dass Adorno – genau wie Nietzsche – nicht an die positivierte Form der Wissenschaft glaubt und Hegel nicht in vollem Maße treu bleibt. Die Kritik von Nietzsche und von Foucault an Hegel wird von Adorno teilweise unterstützt.

„Nichts anderes aber heißt Dialektik, als auf der Vermittlung des scheinbar Unmittelbaren, und der auf allen Stufen sich entfaltenden Wechselseitigkeit von Unmittelbarkeit und Vermittlung zu insistieren. Dialektik ist kein dritter Standpunkt sondern der Versuch, durch immanente Kritik philosophische Standpunkte über sich und über die Willkür des Standpunktdenkens hinauszubringen.“91

Diesen Interperspektivismus teilen sich auch Foucault und Nietzsche. Foucault will mit seiner Analyse die Gesellschaft von außen betrachten. Adorno würde dies skeptisch betrachten, denn ein „außerhalb der Gesellschaft“ ist für ihn nicht einmal denkbar. Doch außerhalb der Institutionen zu denken, das verbindet die Beiden. „Also, erster Methodengrundsatz: Man muss aus der Institution heraustreten, um sie durch den globalen Gesichtspunkt der Machttechnologie zu ersetzen.“92

Der Positivismus findet auch bei Foucault keinen immanent positiven Anklang. So wendet er sich in seinem Werk „Archäologie des Wissens“ gegen das, was zum Beispiel Karl Popper im sogenannten Positivismusstreit fordert. Er nennt das gar die „präkritische Naivität“93. Für Foucault ist das Wissen nicht eingesperrt im Regelsystem der vermeintlich objektiven Wissenschaften. „Die Wahrheit des Objekts schreibt die Wahrheit des Diskurses vor, der dessen Bildung ist.“94 Die Regeln für dieses Wissen, diese Wahrheit werden erst im Nachhinein formuliert.95 Das entspricht Adornos Kritik an Popper, dass die empirische Herangehensweise bereits das zu untersuchende Objekt verändert. Die Gesellschaft wird der Methode angepasst und diese präsentiert sich durch Einzelhypothesen96. Das „Unbewußte“ der Wissenschaften steht im Gegensatz zu Foucaults kritischen Ansatz. Es ist „immer die negative Seite … – das, was ihr Widerstand leistet […]“97. Sie ist der „Mißton im Getriebe“98, den Adorno mit seiner negativen Dialektik gerne betreibt. Dieses „Unbewußte“ der Wissenschaften ist der positivistische Unterton, den sich alle wissenschaftlichen Disziplinen teilen und den Foucault aufdecken will. Das bedeutet auch, dass sich das Sein des Subjekts ändern muss, um sich der Wahrheit zu öffnen, worin sich für Foucault das Fundament von Hegels Phänomenologie des Geistes abbildet.99

Michel Foucault, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, lehnt sich in der Methodentradition stark an Nietzsche an. Allerdings gibt es hier einen wesentlichen Unterschied: den des Fokus’. Während Nietzsche den Vormarsch der Sklavenmoral beobachtet und sich um die Kontinuität sorgt, ist es Foucaults Bestreben, die Brüche dieser Geschichte zu untersuchen, obwohl er gleichsam Regelmäßigkeiten aufzeigt, die trotz dieser Brüche zu finden sind. Der Anfang von dem, was später Foucault die „Techniken“ nennt, ist es jedoch, was die Differenz formt. So sieht Foucault den Beginn tausende von Jahren vor dem Anfang, den Adorno ausmacht: die Antike.

Philosophie und der Vorrang der Theorie | Foucault und Adorno

Beide Denker sind sehr penibel in ihrer Überzeugung, Verdecktes aufzudecken und die Aufklärung zur Vollendung zu bringen. Die Bedeutsamkeit der Philosophie und die unorthodoxe Herangehensweise haben sowohl Foucault, als auch Adorno in ihren Bann gezogen und ihnen die Möglichkeit zur Kritik eröffnet, die sie mit Nietzsche verbindet.

„Ist Philosophie noch nötig, dann wie von je als Kritik, als Widerstand gegen die sich ausbreitende Heteronomie, als sei’s auch machtloser Versuch des Gedankens, seiner selbst mächtig zu bleiben und angedrehte Mythologie wie blinzelnd resignierte Anpassung nach ihrem eigenen Maß des Unwahren zu überführen.“100

„Die Genealogie geht nicht in die Vergangheit zurück, um eine große Kontinuität jenseits der Zerstreuung des Vergessenen zu errichten. […] Es gilt zu entdecken was an der Wurzel dessen, was wir erkennen und was wir sind, nicht die Wahrheit und das Sein steht, sondern die Äußerlichkeiten des Zufälligen. Darum verdient jeder Ursprung der Moral, sofern er nicht mehr verehrungswürdig ist – und die Herkunft ist es niemals – Kritik.“101

Gemeinsam ist ihnen das Primat der Theorie, auch wenn dies bei Foucault nur mit Einschränkungen Gültigkeit besitzt. Hierauf werde ich später detaillierter eingehen. Ihre Theoreme bilden sich um das Subjekt und können damit diese von denjenigen Denkrichtungen abgrenzen, wie beispielsweise der Niklas Luhmanns, obgleich sich Jürgen Habermas, offizieller Nachfolger der Kritischen Theorie, Luhmann angenähert hat.

Ebenso verhält es sich mit der Kritik. Hier sind sich Foucault und Adorno am nächsten: Beide nutzen sie als „Prinzip der Umkehrung“102, denn „Theorie ist unabdingbar kritisch“103. Sie haben die Kritik als das Mittel der Wahl auserkoren.

Literaturnachweis Methodik | Vergleich zwischen Michel Foucault und Theodor W. Adorno

83 Mit unser meint Horkheimer: sich und Adorno.
84 Wie schon erwähnt, nutzte er auch die Archäologie in seinen früheren Werken.
85 Vgl. Tanner (1994): „Nietzsche“, S. 24f.
86 Fischer (2000): „Ein Geruch von Grausamkeit“, S. 58.
87 Nietzsche (1999): „Geburt der Tragödie“, S. 67.
88 Wiggershaus (1998): „Theodor W. Adorno“, S. 97.
89 Adorno (2003): „Negative Dialektik“, S. 199.
90 Ebd., S. 161ff.
91 Adorno (1996): „Wozu noch Philosophie?“, S. 100.
92 Foucault (2004): „Geschichte der Gouvernementalität“, S. 176.
93 Foucault (1993): „Ordnung der Dinge“, S. 386f.
94 Ebd.
95 Foucault (2003): „Archäologie des Wissens“, S. 299ff.
96 Vgl. Adorno (1995): „Einleitung zum ‚Positivismusstreit in der deutschen Soziologie’“; S. 325ff.
97 Foucault (1993): „Ordnung der Dinge“, S. 11ff.
98 Wiggershaus (1998): „Theodor W. Adorno“, S. 38.
99 Foucault (1985): „Freiheit und Selbstsorge“, S. 35.
100 Adorno (1996): „Wozu noch Philosophie“, S. 99.
101 Foucault (1996): „Nietzsche – die Genealogie, die Historie“, S. 74.
102 Foucault (2003): „Ordnung des Diskurses“, S. 44.
103 Adorno (1995): „Soziologie und empirische Forschung“, S. 197.

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2 Responses to Methodik | Vergleich zwischen Michel Foucault und Theodor W. Adorno

  1. Jan Kluender 24. Juni 2012 at 12:26 #

    Hallo,

    vielen Dank für den anregenden und informativen Text. Ich habe noch eine Frage bzw. Bitte, können Sie mir die Zitat/Fundstelle für folgende Aussage Michel Foucaults nennen: „Meine Position führt nicht zur Apathie, sondern zu einem Aktivismus, der den Pessimismus nicht ausschließt.“
    Bereits im Voraus vielen Dank für Hilfe.

  2. admin 2. Juli 2012 at 17:14 #

    He! Sorry, habs nicht mehr gefunden, wo ich das her hab…

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