Wissenschaftskritik und Wahrheit bei Nietzsche, Adorno & Foucault

„Es dämmert jetzt vielleicht in fünf, sechs Köpfen, dass Physik auch nur eine Welt-Auslegung und –Zurechtlegung […] und nicht eine Welt-Erklärung ist.“
Friedrich Nietzsche

Es wurde schon hinlänglich erläutert, dass Wahrheit und Willen in einem engen Kontext stehen und ebenso, dass Wahrheit oftmals von Wissenschaften erklärt wird. Wie bereits weiter oben dargestellt, ist Wissenschaft bei Nietzsche die Fortsetzung asketischer Ideale und die Suche nach Gott.

„Es ist immer noch ein metaphysischer Glaube, auf dem unser Glaube an die Wissenschaft ruht – auch wir Erkennenden von heute, wir Gottlosen und Antimetaphysiker, auch wir nehmen unser Feuer noch von jenem Brande, den ein jahrtausendealter Glaube entzündet hat, jener Christen-Glaube, der auch der Glaube Platos war, dass Gott die Wahrheit ist, dass die Wahrheit göttlich ist.“201

Für Nietzsche ist die Askese das Leitprinzip, sie hat die Wissenschaft ans „Gängelband“ genommen. Die vermeintliche Objektivität der Wissenschaften ist aber nicht wertneutral.202 Für Foucault ist die Askese ein Wissen über das Subjekt, welche zur Praxis der Wahrheit gehört.203 Er sieht sich dieser Wissenschaftsform nicht verpflichtet, da das Epistem den Diskurs der wissenschaftlichen Disziplinen formt. Der Diskurs entscheidet über Zugehörigkeit und über Akzeptanz als Wahrheit. Dies versucht er mittels Genealogie zu entschlüsseln. „In einer Kultur, und in einem bestimmten Augenblick, gibt es immer nur ein ‚épisteme’, die die Bedingungen definiert, unter denen jegliches Wissen möglich ist.“204

Nietzsches Auffassung nach (siehe Ideologiekritik) ist das Vernunftideal zum alles bestimmenden Moment der Aufklärung geworden. Dies ähnelt Adornos Sicht auf die Wissenschaften: ein Prinzip der Rationalität mit formalen, mathematischen Quantifizierungen.205 Dieses positive Wissenschaftsverständnis liegt ebenfalls im Rahmen des Machtprinzips. Dazu sagt Adorno: „Der Wissenschaftsbetrieb täuscht vor, der von höchst realen Herrschaftsmechanismen gestiftete objektive Geist, der mittlerweile auch die Bewußtseinsinhalte seiner Reservearmee plant, resultiere erst aus der Summe von deren subjektiven Reaktionen.“206 Adorno fordert sodann die Selbstbesinnung des universell reglementierten, wissenschaftlichen Denkens.207

Foucault, der Politik und Wissenschaft unbedingt trennen will, sieht die Wissenschaft ebenfalls im Dienste der Herrschaft bzw. der Disziplinartechniken arbeiten. Adornos und Foucaults Philosophie ist bestimmt durch das Verhältnis zwischen Subjekt und Wahrheit.208 Die Herrschenden bzw. Mächtigen brauchen die wissenschaftliche Bestätigung der gesellschaftlichen Ideologie, weil sie Rekurs auf eben diese nehmen.

„Auf die Konsequenzen dieser Wissenschaft aber, auf ihre Resultate kann die Regierung nicht verzichten. Man sieht also, dass ein Verhältnis zwischen Macht und Wissen in Erscheinung tritt, zwischen der Regierung und dieser Wissenschaft, das von ganz besonderer Art ist.“209

Die Verbindung zwischen dem Denken und der Politik wird von Adorno ebenfalls hervorgehoben: „Wie wäre es, wenn wir mit dem Begriff des Denkens selber anfangen, dann zum Begriff der Politik kommen und schließlich wieder zurück zum Denken“210.
Wie der Humanismus ist auch die Wissenschaft vom Machtinteresse der Vernunft geleitet.211

Wissenschaft ist eine Disziplin, die ehemals vor Dogmen schützen sollte, „inzwischen aber die Berufung auf Wissenschaft und auf die Alleingültigkeit ihrer Methoden das Denken dogmatisch [einschränkte]“212. Foucault würde eine Diskurs- bzw. Epistemenänderung attestieren; Adorno spricht einfach von Veränderungen der Wissensformen.213

Dies gilt aber nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern auch für die Geisteswissenschaften respektive die Philosophie. Hier übt Adorno, genauso wie Foucault oder Nietzsche, Kritik. „Traditionelle Philosophie hat das ihr Heterogene durch den Zuschnitt ihrer Kategorien verhext.“214 Eine Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften vollzieht Foucault in seinem Buch ‚Ordnung der Dinge’ nicht. Die geübte Kritik betrifft die Humanwissenschaften215 im Allgemeinen. Beiden sind jedoch die Naturwissenschaften besonders verdächtig. Mit den willkürlichen Kategorisierungen wird die Natur eingeteilt, um sie besser zu verstehen.

Aber ein Verstehen ohne den Blick auf das Ganze ist für Adorno unmöglich. Ein Verstehen ohne die Geschichte, ohne die Analyse der Begrifflichkeiten, so würde Foucault ergänzen, ist nicht möglich. Wenngleich ihm, so könnte Adorno argumentieren, das Ganze größtenteils entgeht. Gesagtes basiert auf den nietzscheanischen Prinzipien der Vernunftkritik und der Naturbeherrschung. Zu Nietzsche schreibt Fischer: „Wissenschaft (wie man sie heute übt) ist der Versuch, für alle Erscheinungen eine gemeinsame Zeichensprache zu schaffen, zum Zwecke der leichteren Berechenbarkeit und folglich Beherrschbarkeit der Natur“216.

Kategorisierungen sind positivistische Instrumente des Diskurses einer szientistischen Disziplin, die je nach Zeit variieren. Die ebenfalls damit produzierte Wahrheit ist nur ein Argument derer, die über Definitionsmacht herrschen. Die Wahrheit, so Adorno (und da liegt er mit Nietzsche und Foucault auf einer Linie), ist ein Korrektiv.217 Foucault würde das nicht nur bestätigen, sondern auf die Diskursverengung, also Formen des Verbots, verweisen. „Die Wahrheit entstand aus Zufall – Aus Rechthaberei der einzelnen Wissenschaftler.“218

Wissenschaft durch die Geschichte | Nietzsche Adorno Foucault

Nietzsche und Foucault weisen auf die Entwicklung, die sich im antiken Griechenland schon offenbart, zum Beispiel bei Platon. So auch Adorno: „Das Bombastische vieler vorsokratischer Sprüche rührt wohl daher, daß das totale Wissen, das sie sich zuschreiben, das Einschließende des Systems, immer zugleich ausschließt: das ist vielleicht das finsterste Geheimnis der ersten Philosophie.“219
Dies ist quasi ein Geburtsfehler, der sich durch die Jahrhunderte stabilisiert hat und nun dominant wurde. Denn was gerade durch diese Totalisierung entsteht, ist der sogenannte „Präsensfehler“, den Nietzsche im Sinn ähnlich als „Ägyptizismus“220 bezeichnet. Hierdurch kann man Wahrheiten entstehen lassen und dies nutzt die Wissenschaftsgemeinde von je her, um die Ideologie zu veranschaulichen. Am Beispiel der Sexualität und der feministischen Theorien, die großteilig auf Foucault aufbauen, zeigt sich, dass die Frau vermeintlich schon immer zuhause bzw. am steinzeitlichen Lagerfeuer die Kinder gehütet hat.

„Die ‚wirkliche’ Historie stützt sich im Gegensatz zu der der Historiker auf keine Konstanz: nichts am Menschen – auch nicht sein Leib – ist so fest, um auch die anderen Menschen verstehen und sich in ihnen widererkennen zu können. Alles, woran man sich anlehnt, um sich der Geschichte zuzuwenden und sie in ihrer Totalität zu erfassen, alles, was sie als eine geduldige und kontinuierliche Bewegung erscheinen lässt, muss systematisch zerbrochen werden.“221

Bei Adorno kommt neben den wahrheitserzeugenden Wissenschaften auch die Spezialisierung hinzu. Die Aufteilung nicht nur des zu Untersuchenden, sondern auch die Aufteilung der Untersuchenden ist eine umso höhere Chance, Wahrheiten zu produzieren. Besonders scharf kritisiert er den Kanon der Philosophie:

„Schließlich hat Philosophie in der allgemeinen Situation von Verfachlichung selbst ebenfalls als Spezialfach sich etabliert, dem des von allen Sachgehalten Gereinigten. Sie hat dadurch verleugnet, woran sie ihren eigenen Begriff besaß: Freiheit des Geistes, der dem Diktat des Fachwissens nicht pariert.“222

Aber die Spezialisierung macht nicht Halt vor den anderen Sphären des Lebens. Das Prinzip der Produktivität wurde aus den totalen Institutionen hinausgetragen – übertragen auf die Gesellschaft, wie Foucault sagen würde. Nach Foucault braucht das Subjekt interpretierende Spezialisten, die durch ihre Spezialisierung notwenig die Wahrheit wissen.223 Ganz ähnlich klingt dies bei Adorno: „Fachmenschen müssen Autorität ausüben in Bereichen, in denen sie fachlich nicht qualifiziert sein können, während man ihrer besonderen, abstrakt-verwaltungstechnischen Eignung bedarf, damit der Betrieb funktioniert und in Gang bleibt.“224 Die bis ans Äußerste spezialisierten Fachleute haben damit eine Autorität, die die Wahrheit darstellt, sobald sie sie ausgesprochen haben.
Grundlegend ist allen Dreien gemein, dass die „Wissenschaftlich-technische Naturbeherrschung … zum Problem der Moral [führt]“225. Hier spiegelt sich die christliche Moral in den Wissenschaften, wie Nietzsche erklären würde. Die Wissenschaft wurde vom Machtinteresse der asketisch-christlichen Moral korrumpiert. Die Wissenschaft, wie auch die Welt, ist ein Konstrukt. Auch wenn man Adorno nicht zum Konstruktivismus zählt, so bildet er doch mit Nietzsche und Foucault die Grundlage dessen.

„Der Glaube an die Vernunft-Kategorien ist die Ursache des Nihilismus – wir haben den Wert der Welt an Kategorien gemessen, welche sich auf eine rein fingierte Welt beziehen.“226

Aber nicht nur Wissenschaft erzeugt Wahrheiten, sondern auch Macht. Foucault erkennt dies zudem in der Definitionsmacht. Die Macht kreiert notwenigerweise die „Wahrheit“, welche schließlich die Gesetze produziert. Dadurch bildet sich ein Kreislauf bestehend aus „Rechtsregeln, Machtmechanismen und Wahrheitswirkungen“.227

„Wichtig ist, …, dass die Wahrheit weder außerhalb der Macht steht, noch ohne Macht ist. [Sie] wird aufgrund vielfältiger Zwänge produziert. [Ich verstehe] unter Wahrheit nicht ‚das Ensemble der wahren Dinge, … sondern ‚das Ensemble der Regeln, nach denen das Wahre vom Falschen geschieden und das Wahre mit spezifischen Machtwirkungen ausgestattet wird’.“228

Literaturnachweis: WIssenschaftskritik bei Nietzsche, Adorno und Foucault

199 Adorno (2003): „Negative Dialektik“, S. 158.
200 Ebd., S. 198.

201 Nietzsche zitiert nach Weininger (1998): „Vernunftkritik bei Nietzsche und Horkheimer/Adorno“, S. 17.
202 Tanner (1994): „Nietzsche“, S. 95.
203 Foucault (1985): „Freiheit und Selbstsorge“, S. 56.
204 Foucault (1993): „Ordnung der Dinge“, S. 213.
205 Vgl. Weiniger (1998): „Vernunftkritik bei Nietzsche und Horkheimer/Adorno“, S. 48.
206 Adorno (2003): „Negative Dialektik“, S. 308.
207 Ebd., S. 232.
208 Vgl. Foucault (1985): „Freiheit und Selbstsorge“, S. 34.
209 Foucault (2004): „Geschichte der Gouvernementalität“, S. 503f.
210 Horkheimer/ Adorno zitiert nach Dahms (1994): „Positivismusstreit“, S. 113.
211 Weiniger (1998): „Vernunftkritik bei Nietzsche und Foucault“, S. 52f.
212 Wiggershaus (1998): „Theodor W. Adorno“, S. 90.
213 Weiniger (1998): „Vernunftkritik bei Nietzsche und Foucault“, S. 49.
214 Adorno (2003): „Negative Dialektik“, S. 194.
216 Fischer (1999): „Verwilderte Selbsterhaltung“, S. 41.
217 Wiggershaus (1998): „Theodor W. Adorno“, S. 56.

215 „Es handelt sich darum, dasjenige in seinen verschiedenen Dimensionen zu bestimmen, was in Europa seit dem 17. Jahrhundert die Existenzweise der Diskurse, insbesondere der wissenschaftlichen Diskurse […], damit sich unser heutiges Wissen konstituieren konnte, genauer: das Wissen, das sich in Bezug auf das merkwürdige Objekt ergeben hat, das der Mensch ist.“ – Foucault (2003): „Analytik der Macht“, S. 49.
218 Foucault (1996): „Nietzsche, die Genealogie, die Historie“, S. 71.
219 Adorno (2003): „Zur Metakritik der Erkenntnistheorie“, S. 36.
220 Nietzsche zitiert nach Foucault (1996): „Nietzsche, die Genealogie, die Historie“, S. 79.
221 Foucault (1996): „Nietzsche, die Genealogie, die Historie“, S. 79.
222 Adorno (1996): „Wozu noch Philosophie“, S. 95.
223 Rabinow/ Dreyfus (1994): „Jenseits von Hermeneutik und Strukturalismus“, S. 212.

224 Adorno (1995): „Kultur und Gesellschaft“, S. 127.
225 Fischer (1999): „Verwilderte Selbsterhaltung“, S. 40.
226 Nietzsche zitiert nach Weiniger (1998): „Vernunftkritik bei Nietzsche und Horkheimer/Adorno“, S. 10.
227 Vgl. Foucault (1999): „In Verteidigung der Gesellschaft“, S. 32f.
228 Foucault (1992): „Wille zum Wissen“, S. 51ff.

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