Vernunftkritik: Nietzsche, Adorno und Foucault

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„Horkheimers Reminiszenz jener ‚Fratze, die von der Vernunft noch übrig ist’, deckt sich mit vielen Beobachtungen Foucaults.“
Ralf Konersmann

Die Vernunftkritik ist bei Nietzsche, Adorno und Foucault das zentrale Moment für die Konzeption ihrer Theoreme und ihrer Analysen. Es ist das Fundament, das sich schon bei Nietzsche sehr ausgedehnt findet. Vor allem in ‚Wahnsinn und Gesellschaft’ und ‚Dialektik der Aufklärung’ widmen Foucault und Horkheimer/Adorno sich dieser Frage.

Friedrich Nietzsche und die Vernunftkritik

Nietzsche verwirft die Vernunft letztlich und ersetzt sie durch seine Machttheorie.117 Die Vernunftkonzeption ist bei Nietzsche lebensfeindlich und dekadent, wohingegen der Machtwille eher positiv besetzt ist. Macht ist ein aristokratisches Moment in Nietzsches Theorem, denn es ist positiv gleichzusetzen mit der Herrenmoral, die er der Sklavenmoral entgegenhält und welche in der Geschichte miteinander konkurrieren. Letztere diskreditiert die Herrenmoral durch Askese und der damit verbundenen Umwertung der Werte.

Nietzsches Kritik am Vernunftideal der Aufklärung hat die Perpetuierung des christlich-asketischen Ideals, verkörpert durch die Moral und die Jenseitsmetaphysik, zum Gegenstand. Gerade die Objektivität und Neutralität, die keine Interpretation zulassen darf und damit „sinnenfeindlich“ ist, kommt dem Verfall der Kultur gleich. Dieser Verfall ist der Prozess der menschlichen Zivilisation per se.

Der Instinkt, so Nietzsche, ist hingegen künstlerisch und auch Adorno sucht in der Kunst die Möglichkeit, aus der mathematischen, instrumentellen Vernunft auszubrechen – gerade die Gefühle betreffend. Wie oben bereits erläutert, ist diese Vernunft an die Begrifflichkeiten gebunden – so ist zum Beispiel die Beschreibung der Emotionen erschwert118. Foucault sucht eine Lösung in der Ästhetik mit mehreren Selbstbildern als Lebensgefühle, welche die Entzauberung der Vernunft bewirken soll. Die Vernunft, und damit rekurriert Foucault gegen Hegel, ist instrumentell – schon in ihrer Beschreibung.119 Die Vernunftproblematik, die im Mittelpunkt der Kritik steht, erstreckt sich auch bis zur Naturbeherrschung, wie ich später zeigen werde.

„Noch eher will ich das Nichts, als nichts zu wollen.“120; schreibt Nietzsche in der ‚Genealogie der Moral’ und attestiert dem Menschen, ein Ziel haben zu müssen. Da dieses Ziel in der Askese das Jenseits ist, ist sie lebensfeindlich, denn sie ist der „Hass gegen das Leben selbst“121.

Darin sieht Nietzsche die Ablehnung des Diesseitigen zugunsten des Jenseitigen und gerade das ist der Grund für die Ablehnung der Askese und deren Form der Vernunft. Das ist für Foucault auch der Ansatzpunkt der Disziplinierung, die für seine Analyse im Fokus steht.

Vernunftkritik bei Theodor Adorno und Michel Foucault

Adorno und Foucault lehnen die Vernunft nicht gänzlich ab. „Ich sehe vielfache Umgestaltungen – doch warum sollte ich das einen Niedergang der Vernunft nennen?“122 Ihre kritischen Konzeptionen erhalten die Vernunft unter der Bedingung der grundlegenden Reform. Wenngleich Foucault ebenfalls eine „Machttheorie“ als Rahmen seiner Analyse hat, so ist diese nicht in der Art radikal wie jene Nietzsches.

Adorno hat ebenfalls Nietzsches Idee übernommen und verschränkt die instrumentelle Vernunft mit Macht.123 Außer Frage steht bei beiden, dass die Vernunft die Welt fest im Griff hat, eine Universalität – wie Foucault sagt oder Totalität, wie Adorno bestätigen würde.

Um dem entgegen zu wirken, ist eine zweite Reflexion nötig, ein neues Vernunftmodell: die sympathische Vernunft, so Adornos Vorschlag. Er kritisiert die Vernunft, wenngleich er keine Verdrängung der instrumentellen Vernunft fordert, denn auch diese ist eben Teil der menschlichen Vernunftmöglichkeiten – dennoch nicht die Einzige. Foucault redet gleichfalls nicht von der einzigen oder gar von der einzig-wahren Vernunft. Er nimmt die Vernunft in Abgrenzung zum Wahnsinn wahr, welcher ihr einen Spiegel vorhält. Dieser Spiegel reflektiert die Anti-Vernunft, in dessen Abgrenzung sich die Vernunft definiert – mit Wahrheit auf der einen und Unwahrheit auf der anderen Seite.

Die Aufklärung ist bei beiden Autoren eine bemerkenswerte Zeit, denn es ist die Zeit, in der die Vernunft obsiegte. „Dieser Rationalitätstypus, … bildete sich im 17. und 18. Jahrhundert heraus, […].“124 Erweiternd relativiert Foucault, dass die Technologie, die sich zwar seit der Aufklärung perfektioniert, ihren Anfang aber erheblich früher nahm:

„Auch wenn die Aufklärung eine sehr wichtige Phase unserer Geschichte und die Entwicklung der politischen Technologie war, glaube ich, dass wir auf sehr viel entferntere Vorgänge zurück gehen müssen, wenn wir verstehen wollen, kraft welcher Mechanismen wir zu Gefangenen unserer eigenen Geschichte geworden sind.“

Foucault grenzt den deutschen Vernunftbegriff vom Französischen ab: „Der deutsche Begriff ‚Vernunft’ hat eine ethische Dimension. Im Französischen ist die instrumentelle Vernunft gemeint, eine technologische Vernunft. Für uns im Französischen, die Folter, das ist die Vernunft.“125 Diese Interpretation des deutschen Vernunftbegriffs, welcher an Kant gebunden ist, ist für die Kritische Theorie nicht auszumachen. Adorno und Horkheimer haben sich bezüglich der instrumentellen Vernunft nicht nur direkt geäußert, sie haben selbige auch in der Art definiert126:

„Als die Idee der Vernunft konzipiert wurde, sollte sie mehr zustande bringen, als bloß das Verhältnis von Mitteln und Zwecken zu regeln; sie wurde als das Instrument betrachtet, die Zwecke zu verstehen, sie zu bestimmen.“ 127

Hierin ist Foucaults Ähnlichkeit zu Adornos bzw. zu den Schriften der Frankfurter Schule besonders eminent. Die Doppelbödigkeit der instrumentellen Vernunft sieht Horkheimer erstens in der Selbsterhaltung, also dem subjektiven Ziel der Vernunft, und zweitens darin, der Allgemeinheit dienliche Zwecke menschlichen Handelns zu formulieren, welches die Objektivität ausmacht. Im Trennungsvorgang erkennt Foucault zugleich die „Verdinglichung“. Für ihn ist das Subjekt, so wie es die Aufklärung proklamiert hat, autonom. Allerdings handelt es sich um eine Autonomie, die auf das Selbst beschränkt bleibt, also auf die Selbsterhaltung. Autonom-Sein von den Strukturen ist bei Foucault zwar wünschenswert, jedoch nicht machbar. Im Allgemeinen wird die Vernunft von der Unvernunft respektive dem Wahnsinn abgegrenzt. Diese Abgrenzung entspricht der humanistischen Trennung von Normalem und Unnormalem, welche, so Foucault, durch die Aufklärung vermittelt ist.

„Das Subjekt ist entweder in seinem Inneren geteilt oder von den anderen abgeteilt. Dieser Vorgang macht aus ihm einen Gegenstand. Die Aufteilung in Verrückte und geistig Normale, in Kranke und Gesunde, in Kriminelle und ‚anständige Jungs’ illustriert dies.“128

Aber auch Adorno sieht in dieser Vernunftvariante die Trennung von normal und unnormal, wobei die Gesellschaft das Vernunftideal als das Normale darstellt, während alles Andere dem Irrationalen untergeordnet ist.

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„Die Überzeugung, Rationalität sei das Normale, ist falsch. Unterm Bann der zähen Irrationalität des Ganzen ist normal auch die Irrationalität der Menschen. Sie und die Zweckrationalität ihres praktischen Handelns klaffen weit auseinander, aber Irrationalität ist steht auf dem Sprung, auch diese Zweckrationalität, im politischen Verhalten zu überfluten.“129

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Adorno teilt also Foucaults Ansicht, dass z. B. der Wahnsinn ein Teil der Rationalität ist. Zumal auch Foucault von der Objektivierung der Menschen als Folge der Rationalisierung spricht.130 Die (instrumentelle) Vernunft, die nach Adorno und Foucault durch die Aufklärung aufkam, sollte „den Menschen die Furcht nehmen und sie als Herren einzusetzen. […] Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt.“131

Für beide ist die Aufklärung Wegbereiter der Selbstzerstörung und der Verdinglichung bis zur totalen Vergesellschaftung.132 Das Subjekt entfremdet sich selbst durch den Druck des allgegenwärtigen Kapitalismus’, der das Subjekt als Ware bemisst und als Mechanismus sieht: Das Subjekt wird damit objektiviert, bzw. geistig verdinglicht. Bereits die grobe Trennung von Subjekt und Objekt ist das Produkt „falscher Abstraktion“ und damit ist das Subjekt verdinglicht.133

Die Vermittlung, die zwischen Person und Gegenstand steht, ging stückweise mit der Objektivierung verloren und ihre Beziehung hat sich mit der Abstraktion der Begrifflichkeit verändert.

Da die Ziele der Gesellschaft – Freiheit und Gerechtigkeit – durch die Begrifflichkeit und deren instrumentelle Vernunft wegbrechen, reduziert sich das Subjekt gemäß der Objektivierung der Natur zum Objekt. Dies verhindert, so Adorno, die Mündigkeit der Individuen, welche die Aufklärung erreichen wollte.

„Der Vorrang von Objekt ist … das Korrektiv der subjektiven Reduktion, nicht die Verleugnung eines subjektiven Anteils. Vermittelt ist auch Objekt, nur nicht dem eigenen Begriff nach so durchaus aufs Subjekt verwiesen wie Subjekt auf Objektivität.“ 134
Im Ansatz verfolgt Foucault, ausgehend von der Begrifflichkeit, den gleichen Weg wie Adorno. Er beschreitet jedoch im Weiteren den historischen Weg: Die Idee veränderte sich nicht, sondern die Episteme.135

„Diese Serie von Subjektivitäten wird niemals zu einem Ende kommen und uns niemals vor etwas stellen, das ‚der Mensch’ wäre. Die Menschen treten ständig in einen Prozess ein, der sie als Objekte konstituiert und sie dabei gleichzeitig verschiebt, verformt, verwandelt – und der sie als Subjekt umgestaltet.“136

Dieser ist zwar ein anderer, jedoch zu Adornos Weg ein paralleler. Foucault spricht in der ‚Ordnung der Dinge’ diesen Umbrüchen gewisse Abstände zu, die bei Adorno wiederkehrende Herrschaft bedeuten.

Foucaults Einschätzung der Subjekte kommt einer Entfremdung und Verdinglichung nahe, wenn er sagt: „Es ist eine Machtform, die aus Individuen Subjekte macht“137. Das Wort „Subjekt“ ist vermittelt durch Kontrolle und Abhängigkeit, durch Bewusstsein darüber, in der eigenen Identität gefangen zu sein. Das entspricht der Vernunft. Die Vernunftkritik, welche die zwei Autoren in hohem Maße an Nietzsche angelegt haben, ist in ihrer Programmatik kontinuierlich. So wird sowohl bei Foucault als auch bei Adorno die Organisation der menschlichen Gesellschaft durch diese Vernunft geformt. Sie ist durch ihre Art des Begreifens zur Organisatorin der Welt geworden, wobei Adorno von der Möglichkeit der Herrschaft durch die „totale Verwaltung“ spricht.

„… worin die Rationalität der Welt besteht, … dass die Vernunft, die die Organisation der Welt beherrscht hat […].“138
„[Die Vernunft] ist zur zwecklosen Zweckmäßigkeit geworden, die eben deshalb sich in alle Zwecke spannen läßt. Sie ist der Plan an sich betrachtet.“139

Nicht ohne Grund sprechen beide von der „instrumentellen“ Vernunft. Sie bezeichnen sie daher als mathematische Vernunft, deren Vorteil darin besteht, Technik und Techniken zu entwickeln, die die Verwaltung und den Wohlstand sichern. Das beinhaltet sowohl Techniken am Menschen oder Techniken, also Maschinen, die den Menschen verdinglichen als auch besser ernähren.
„… ein Wille zum Wissen, der … das technische Niveau vorschrieb, auf dem allein die Erkenntnisse verifizierbar und nützlich sein konnten.“140

„Vernunft ist das Organ der Kalkulation, des Plans, gegen Ziele ist sie neutral, ihr Element ist die Koordination.“141
Bei Adorno läuft das Geschichtsmodell teleologisch auf den Verfall hinaus, bei Foucault ist das Ende des Subjekts eine andere ‚Ordnung der Dinge’. Aber das Ziel ist dasselbe: das Ende des Subjekts bzw. der Zivilisation, also der Denk- und Lebensweisen. Keiner von beiden spricht vom Ende des Menschen als Gattungswesen.

Mit der Logik der instrumentellen Vernunft rückt die innere und äußere Naturbeherrschung in den Mittelpunkt der Betrachtungen beider Denker, denn die Vernunft soll dem Menschen nicht nur die Technik zur Naturbeherrschung geben, sondern auch die Angst vor dieser Natur nehmen.

112 Horkheimer/ Adorno (2003): „Dialektik der Aufklärung“, S. 20.
113 Weiniger (1998): „Vernunftkritik bei Nietzsche und Horkheimer/Adorno“, S. 72.
114 Foucault (2003): „Ordnung des Diskurses“, S. 32.
115 Adorno (2003): „Negative Dialektik“, S. 24.
116 Foucault hat sich selbst nicht als Philosophen beschrieben, da er sich, genau wie Adorno, von der herkömmlichen Philosophie abgrenzen will.
117 Vgl. Weiniger (1998): „Vernunftkritik bei Nietzsche und Horkheimer/Adorno“, S. 10.
118 Alles ist mit allem verbunden, was eine Trennung nur bedingt möglich macht und weshalb ich immer wieder auf andere Kapitel verweise.
119 Vgl. Foucault (1989): „Gebrauch der Lüste“, S. 106.
120 Nietzsche zitiert nach Weiniger (1998): „Vernunftkritik bei Nietzsche und Horkheimer/Adorno“, S. 25.
121 Nietzsche nach ebd..
122 Foucault (1983): „Um welchen Preis sagt die Vernunft die Wahrheit“, S. 39.
123 Vgl. Weiniger (1998): „Vernunftkritik bei Nietzsche und Horkheimer/Adorno“, S. 9.
124 Foucault (1999): „Botschaften der Macht“, S. 204.
125 Schmid (1991): „Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst“ (Gespräch mit Knut Boeser 1977), S. 75.
126 Eigentlich wurde diese Definition von Horkheimer gemacht und Adorno hat sie übernommen.
127 Horkheimer zitiert nach Rabinow/ Dreyfus (1994): „Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik“, S. 49.
128 Foucault (1999): „Botschaften der Macht“, S. 161.
129 Adorno (1995): „Kulturkritik und Gesellschaft“, S. 587.
130 Ebd.
131 Horkheimer/ Adorno (2003): „Dialektik der Aufklärung“, S. 9.
132 Worauf ich weiter unten noch eingehen werde.
133 Vgl. Adorno (1984): „Zu Subjekt und Objekt“, S. 80.
134 Vgl. Adorno (1984): „Zu Subjekt und Objekt“, S. 80f.
135 Vgl. Foucault (1993) „Ordnung der Dinge“.
136 Foucault (1996): „Der Mensch ist ein Erfahrungstier“, S. 47.
137 Foucault (1999): „Botschaften der Macht“, S. 166.
138 Foucault (1985): „Freiheit und Selbstsorge“, S. 53.
139 Horkheimer/ Adorno (2003): „Dialektik der Aufklärung“, S. 106.
140 Foucault (1993): „Ordnung der Dinge“, S. 15.
141 Adorno (2003): „Dialektik der Aufklärung“, S. 95.

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