Theorie und Praxis bei Nietzsche, Adorno und Foucault

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„Für die kritische Theorie insgesamt wie für Foucault ist es nicht die Aufgabe der Theorie bzw. des Theoretikers, Vorschläge zu machen und Lösungen für die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und Mißstand anzubieten.“
Markus Schroer

Hier möchte ich auf das Verhältnis von Theorie und Praxis eingehen, welches ebenfalls von Nietzsche, Adorno und Foucault behandelt wird. Es erscheint mir wichtig darauf hinzuweisen, da die Sekundärliteratur hier oftmals zwischen Foucault und Adorno differenziert. Diese Unterscheidung ist aber nicht zwingend schlüssig, da sich beide Denker auf Nietzsche beziehen, der sich in dieser Hinsicht antidogmatisch ausdrückt. Und es ist ebenso diese Antidogmatik, die Foucault und Adorno beeindruckt hat. Die sich daraus ergebenden Schlüsse mögen unterschiedlich sein, dennoch entspringen sie einem gemeinsamen Kern.

Theorie und Praxis bei Friedrich Nietzsche

Nietzsche hat in seinem Buch ‚Also, sprach Zarathustra’ plausibel gemacht, wieso er keine Schüler bzw. Jünger haben wollte. Er sei sich der Wahrheit nicht gewiss160 – oder will vielmehr kein Dogma entstehen lassen. Dies setzt sich in seinem Buch ‚Ecce Homo’ fort:
„Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrte euch gegen Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch …. Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen? […] Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen! Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle Gläubigen, darum ist es so wenig mit allem Glauben.“161

Zarathustra ist Nietzsche, der aus seiner Sicht damals schon mehr wusste, als seine Zeitgenossen – genau wie Zarathustra. Nietzsche ist Antidogmatist. Das äußert sich auch in seiner Wut über das, was die Priester aus den Lehren Jesu’ machten.162

„Der Glaube macht selig, folglich lügt er […].“163 In ‚Ecce Homo’ – einem Selbstportrait164 – will er aus diesem Grund kein Heiliger sein, sondern nur ein gewöhnlicher Mensch. Das Gebot keine Schüler zu haben bzw. den Glauben an etwas so unhinterfragt stehen zu lassen, ist ein Antidogma-Gebot. Jenes haben sowohl Adorno als auch Foucault übernommen, wenngleich sie anders damit umgehen.

Theodor W. Adorno: Theorie und Praxis

Gemessen an seiner Theorie säße Adorno bezüglich seines gesellschaftlichen Engagements in einem Elfenbeinturm165, so die oft geäußerte Kritik. Ganz anders ist dies bei Foucault, der neben seiner Tätigkeit als Professor an Demonstrationen und Aktionen beteiligt war. Und dennoch ist ein Vergleich zu ziehen, denn „[die] Idee eines Programms mit Vorschlägen ist … gefährlich“166.

Die Gefahr, die darin liegt, entspricht derjenige aller Dogmen, was sich bei Adorno als Gefahr des Faschismus darstellt. Das Dogma duldet kein anderes neben sich. Das sogenannte „Bilderverbot“ von Adorno, welches sich auch in der jüdischen und christlichen Vorstellung findet167, verbietet, sich ein Bild von der Utopie zu machen. Ein Beispiel hierfür ist der „real existierende Sozialismus“. Der Stalinismus ist die dritte Hölle Adornos, welcher sich auf die ausformulierte Utopie Marx’ stützt.

„Die Zählebigkeit der Herrschaft nach dem Sturz dessen, was die Kritik der politischen Ökonomie zum Hauptobjekt hatte, ließ die Ideologie billig triumphieren, welche Herrschaft sei’s aus angeblich unabdingbaren Formen gesellschaftlicher Organisation, etwa der Zentralisierung, sei’s aus solchen des aus dem realen Prozeß herausabstrahierten Bewußtseins – der Ratio – deduziert und dann der Herrschaft, mit offenem Einverständnis oder unter Krokodilstränen, unendliche Zukunft prophezeit, solange organisierte Gesellschaft irgend sei. Dagegen behält die Kritik der zum Ansichseienden fetischisierten Politik oder des in seiner Partikularität aufgeblähten Geistes ihre Kraft.“168

Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Theorie und Praxis: Adorno und Foucault

Diese langfristige Furcht wird bei Adorno ergänzt um die kurzfristige Furcht vor dem blinden „Aktionismus“169, welcher sich bei Menschen findet, die sich unhinterfragt der „guten Idee“ opfern – wie ein Sprichwort sagt: „Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten“. Mit dem blinden Aktionismus unterscheidet sich Adorno von Foucault. Aber Foucault will ebenfalls nicht „dingfest“ gemacht werden. Aus diesem Grund lässt er sich nicht auf eine holistische Theorie ein, sondern äußert sich zu spezifischen Themen.
Dies entspricht seinem Imperativ: „Ich würde also bei all diesem nur einen einzigen Imperativ vorschlagen, aber der wird kategorisch und unbedingt sein: Niemals Politik machen!“170 Er will sich nicht für eine Sache hergeben, um deren Willen sein Werk zum Dogma gerinnen würde.

Beiden gemein ist die Erkenntnis, dass nicht so sehr die Tat (bei Adorno gar nicht), als vielmehr die Idee respektive die Theorie die Welt171 verändert. Bei Foucault entspricht dies den Diskursen.

Adorno bevorzugt daher auch die Theorie, denn „Praxis, welche die Herstellung einer vernünftigen und mündigen Menschheit bezweckt, verharrt im Bann des Unheils ohne eine das Ganze in seiner Unwahrheit denkende Theorie. Daß diese nicht den Idealismus aufwärmen darf, sondern die gesellschaftliche und politische Realität und ihre Dynamik in sich hineinnehmen muß, bedarf keines Wortes.“172

Die Theorie darf eben keine Lösungsvorschläge machen; sie muss sich unablässig wandeln und kritisch sein. Eine exakte Zielvorgabe würde – schon wegen der nicht vorhersehbaren Zukunft – ins Elend führen.173 Dogmatisierung führt zu einem Denkverbot, was eine „schlechte Praxis“ wäre.174 Foucault wendet sich hier vor allem an die Intellektuellen, deren „Allzuständigkeit katastrophale Folgen“175 haben kann. Daher sollten Wissenschaft und Politik nicht zusammengeschlossen werden.176

Foucault und Adorno wollen qua Beschreibung der Missstände die Subversion, den Widerstand, fördern. Nur der kritische Blick, die Idee der Veränderung, soll die Subjekte zu einem besseren Leben führen.

Literaturverzeichnis Theorie und Praxis bei Nietzsche, Adorno und Foucault

160 Tanner (1998): „Nietzsche“, S. 71.
161 Nietzsche zitiert nach ebd.
162 Vgl. ebd., S. 113.
163 Nietzsche zitiert nach Tanner (1998): „Nietzsche“, S.113.
164 Ebd., S. 59.
165 Ein Interview im Spiegel (1969) trug den Titel: „Keine Angst vor dem Elfenbeinturm“.
166 Foucault zitiert nach Schroer (2001): „Das Individuum der Gesellschaft“, S. 121.
167 Das Verbot sich ein Bild von Gott zu machen.
168 Adorno (2003): „Negative Dialektik“, S. 316.
169 „Mit all dem fügt der Aktionismus in den Trend sich ein, dem sich entgegenzustemmen er meint oder vorgibt: dem bürgerlichen Instrumentalismus, welcher die Mittel fetischisiert, weil seiner Art Praxis die Reflexion auf die Zwecke unerträglich ist.“ Adorno (2003): „Dialektische Epilegomena“, S. 771.
170 Foucault (2004): „Geschichte der Gouvernementalität“, S. 17.

171 „Die Philosophie kann von sich aus keine unmittelbaren Maßnahmen oder Änderungen empfehlen. Sie ändert gerade, indem sie Theorie bleibt.“ Adorno (2003): „Keine Angst vor dem Elfenbeinturm“, S. 407.
172 Adorno (1996): „Wozu noch Philosophie“, S. 100.
173 Schroer (2001): „Das Individuum der Gesellschaft“, S. 126.
174 Vgl. Adorno (2003): „Negative Dialektik“, S. 146.
175 Schroer (2001): „Das Individuum der Gesellschaft“, S. 127.
176 Ebd.

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