Sprach- und Begrifflichkeitsbedeutung bei Adorno und Foucault

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Was bei Nietzsche die asketischen Priester bewerkstelligten, war sich der Definitionsmacht zu bedienen, um Worte umzuwerten. An bekannten Beispielen wie „schlecht“ kommt von „schlicht“ oder dass „gut“ nicht schon immer „unegoistisch“ bedeutete, erklärt Nietzsche den Vormarsch der Sklavenmoral. Sprache ist eben schon bei ihm dem Denken vorgegeben.

Auch Foucault schwenkt in diese Form ein, wenn er den Begriff „Ökonomie“ auf seine Geschichte hin untersucht. Was ursprünglich die „weise Führung“ bedeutete104, wurde im Laufe der Diskurse zu dem wirtschaftlichen Aspekt, der heute im Zentrum unserer Gesellschaft steht.

In der ‚Ordnung der Dinge’ (Frz. Originaltitel: «Les mots et les choses») exemplifiziert er, wie sich der „Diskurs“105 mehrfach gewandelt hat, wie sich die Sachen (les choses) und die Wörter (les mots) zueinander verhalten und wie sie sich seit der Aufklärung voneinander distanzierten.

„Vom 17. Jahrhundert an wird man sich fragen, wie ein Zeichen mit dem verbunden sein kann, was es bedeutet. Auf diese Frage wird das klassische Zeitalter durch die Analyse der Repräsentation antworten, und das moderne Denken wird mit der Analyse des Sinnes und der Bedeutung antworten.“ 106

Der Bruch ist bei Foucault dreifach: von der Renaissance über die Aufklärung zur Moderne. In dieser Abfolge vollzieht sich auch die fortschreitende Trennung zwischen ‚les mots et les choses’. Um das 17. Jahrhundert etwa waren sie noch identisch, es war das „Zeitalter der Ähnlichkeit“. Man suchte Ähnlichkeiten, Verbindungen zwischen den Dingen, der Natur und dem Menschen. Wie es Adorno meint, waren das Bild und der Gedanke identisch; diese gedankliche Einheit war für Foucault noch in der Renaissance vorherrschend. Die „Mimese“ verortet Adorno sodann in die Zeit, in der sich der Mensch seiner Subjektivität nicht gewahr wurde, in die Zeit des Animismus.

Die Welt, so historisiert Adorno, war im vorbegrifflichen Zustand der Menschheit eine amorphe Welt. Die „Mimese“ war das Gleichmachen des Menschen mit der Natur, sie wollte das Besondere erfassen. Aber im Laufe des Übergangs vom Animismus zur Mythenzeit fand eine Trennung statt. Die Sprache und nicht mehr die Mimese mit dem Objekt hielt Einzug. Es erfolgte eine Abstraktion, eine „Urform“ der Rationalität entstand, die sich die Mythen als Aufklärung zum Nutzen machten.

Hielt diese Ur-Rationalität bis zum 17. Jahrhundert an? „Natürlich“, so könnte Foucault antworten, „ist dieses Entstehungsdatum [Ende des 16. Jahrhunderts] nicht streng anzusetzen. […] Bis zu Aldrovandi war die Geschichte das unentwirrbare und völlig einheitliche Gewebe dessen, was man an den Dingen und all den Zeichen sieht, die in ihnen entdeckt oder auf ihnen niedergelegt worden sind.“107

Durch die „Repräsentation“ trennen sich bei Foucault während Zeit der Aufklärung schließlich die Wörter von den Dingen. Die Moderne begründete den Diskurs, in dem die Frage nach dem Repräsentierenden gestellt wird.

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Bei Adorno ist eine Trennung von Begriffen und dem tatsächlich Vorhandenen impliziert: Das begriffliche Denken ist die Grundlage für die Trennung von Symbol, respektive Wort, und dem Phänomen. So kann zwar etwas Besonderes gedacht, aber nicht beschrieben werden, weil die Sprache dazu die Allgemeinheit benötigt. Adorno spricht gar von der „Unzulänglichkeit der Erkenntnis, die keines Besonderen sich versichern kann ohne den Begriff, der keineswegs das Besondere ist, gereicht taschenspielerhaft dem Geist zum Vorteil, der über das Besondere sich erhebt und von dem es reinigt, was dem Begriff sich entgegenstemmt. Der allgemeine Begriff von Besonderheit hat keine Macht über das Besondere, das er abstrahierend meint.“108

Der Gedanke ist nicht gleichzusetzen mit den Begriffen, da es weit mehr zu bedenken gilt, als sich dies in Wörtern festlegen lassen würde.109 Foucault hat den Diskurs im Blick, meint aber dennoch Ähnliches, wenn er sagt: „Nennen wir Philosophie eine Form des Denkens, die danach fragt, was dem Subjekt Zugang zur Wahrheit zu haben erlaubt, die Form des Denkens, die die Bedingungen und die Grenzen für den Zugang des Subjekts zur Wahrheit zu bestimmen trachtet“110.

Dadurch, dass der Mensch die komplexe Natur mit Begriffen gleichsetzte, begann er die „Wahrheit“ auszusprechen, weil der Begriff mit der Natur gleichgesetzt war. Foucault affirmiert Adorno: „Es war nicht die Erkenntnis, sondern die Sprache der Dinge selbst, die sie in ihrer Bedeutungsfunktion herstellte“111.

Selbst das Wort „Geschichte“ wandelte seine Bedeutung. So war vor der Aufklärung Geschichte als Pluralität gemeint, denn es wurden Geschichten erzählt. Es waren die Diskurse, deren Logik die Begriffe änderten und je nach Machtverhältnissen eine andere Erzählart zuließen oder in Adornos Worten gesagt: „Die Allgemeinheit der Gedanken, wie die diskursive Logik sie entwickelt, die Herrschaft in der Sphäre des Begriffs, erhebt sich auf dem Fundament der Herrschaft in der Wirklichkeit“112.
Die Objektivität und die Verdinglichung gehen mit der Erkenntnis über die Begrifflichkeit einher. Die Ausdehnung der Begriffe entleert die „Lebendigkeit der Sache selbst“113. Aber der Sinn der Worte liegt in den Individuen. Dieser wird aus dem Objekt gezogen und entfaltet sich erst in den Subjekten. Das vermeintlich subjektive Urteil wird schon in dem Augenblick objektiviert, in dem es wahrgenommen wird. Denn die „Dinge murmeln bereits einen Sinn, den unsere Sprache nur noch zu heben braucht; und diese Sprache sprach uns ja immer schon von einem Sein, dessen Gerüst sie gleichsam ist“114.

Wenn Adorno erklärt, dass die „Entzauberung des Begriffs … das Gegengift der Philosophie“115 sei, würde Foucault diesem Gedanken für seine Philosophie116 zustimmen. Denn der Begriff und das Wissen stehen in einem engen Kontext, den Foucault gerade aufdecken will.

Literaturnachweise der Sprach- und Begrifflichkeitsbedeutung bei Adorno und Foucault

104 Foucault (2004): „Geschichte der Gouvernementalität“, S. 144.
105 Bei Foucault bedeutet der Diskurs eine Sprech- und Denkpraxis, die Dinge konzipiert bzw. konstruiert.
106 Foucault (1993): „Ordnung der Dinge“, S. 74.
107 Foucault (1993): „Ordnung der Dinge“, S. 169.
108 Adorno (2003): „Negative Dialektik“, S. 175.
109 Vgl. ebd., S. 193.
110 Foucault (1985): „Freiheit und Selbstsorge“, S. 34.
111 Foucault (1993): „Ordnung der Dinge“, S. 93.

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