Nietzsche im Zusammenhang mit Theodor Adorno und Michel Foucault

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Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) hatte sowohl auf Foucault als auch auf Adorno einen enormen Einfluss. Im Nachkriegsdeutschland des 20. Jahrhunderts war Nietzsche wegen seiner faschistischen Interpretation in Ungnade gefallen.

Dies war jedoch in Frankreich anders, wo die Nachkriegsgeneration der Philosophen gerne zu Nietzsche griff. Michel Foucault ist hierfür ein Beispiel. Er näherte sich mit seiner Genealogie und seinem ‚Wille zum Wissen’ schon im Buchtitel an Nietzsche an. Adorno hat in einer Niederschrift darauf hingewiesen, dass er Nietzsche viel verdanke.1

Nietzsche war, wie Karsten Fischer in seinem Aufsatz „Ein Geruch von Grausamkeit“ über ihn im Untertitel schrieb, „Avantgardist der Rationalisierungskritik“. Er habe das „historische Denken durch historisches Denken kritisiert […] Nietzsche will mit einer genealogischen Untersuchung tiefer ansetzen als die herkömmliche Historiographie und neben der Ereignis- und Ideengeschichte auch – in Foucaults Worten – die Geschichte der Denksysteme, die zur Erfassung der Ereignisse und Ideen dienen, durchleuchten.“2
Für Nietzsche ist „Historische Wahrheit nichts anderes als eine Machttechnik“3, so auch in seiner Genealogie der Moral:
„Oder zeigte mir vielleicht die gesamte moderne Geschichtsschreibung eine lebensgewissere, idealgewissere Haltung? Ihr vornehmster Anspruch geht jetzt dahin, Spiegel zu sein; sie lehnt alle Theologie ab; sie will Nichts mehr ‚beweisen’; sie verschmäht es, den Richter zu spielen, und hat darin ihren guten Geschmack, – […] Dies alles ist in einem hohen Grade asketisch; es ist aber zugleich in einem noch höheren Grade nihilistisch …“ 4

Rationalisierung heißt bei Nietzsche die Beherrschung der inneren und dadurch der äußerlichen Natur durch kalkülrationales Denken. Das entspricht der Vernunft, die Nietzsche ablehnt. Des Weiteren steht die Vernunft im engen Kontext zur Macht und zur Moral.
Nihilistisch sein ist nach Nietzsche gleichzusetzen mit dem „Willen zum Nichts“, dem „Nicht(s)-Wollen“. Dies entsprich der Askese, sie ist die Verkörperung des letzten Rests des Willens zur Macht, der im Ressentiment noch zu finden ist und mit dem wenige weniger Schwache die Schwachen führen. Die Askese dient zur Lenkung des Ressentiments.

Sie ist Werkzeug und Mittel zur Unterdrückung der Schwächen wie der Schwachen. Die Askese, die ebenfalls von Foucault als auch von Adorno beschrieben wird, ist der Sinn, den die Menschen angesichts ihrer Leiden brauchen.5

Der asketische „Wille zum Nichts“ – sozusagen das Wollen im Jenseits – ist für Nietzsche der Mittelpunkt der christlichen Moral geworden. Dieser zeichnet sich verantwortlich für das Ende des Subjekts, wie auch den Verfall der Kultur und er findet sich ebenfalls in der Wissenschaft als „Wille zur Wahrheit“ wieder. Der „Wille zum Nichts“ verkörpere letztendlich den Kern des christlichen, nihilistischen Glaubens. Für Nietzsche folgt daraus das Ende der Moral: „… welchen Sinn hätte unser ganzes Sein“6 fragt er, „wenn nicht den, dass in uns jener Wille zur Wahrheit sich selbst als Problem zum Bewusstsein gekommen wäre? … An diesem Sich-bewusst-werden des Willens zur Wahrheit geht von nun an – daran ist kein Zweifel – die Moral zu Grunde: […]“7
Einer der herausragendsten Momente seines Lebenswerkes ist die Feststellung, dass unsere Gesellschaft, unsere Moral, entstanden aus den Lehren des Judentums aber vor allem aus dem Dogma des Christentums8, dem Verfall entgegen sieht.

„Alle grossen Dinge gehen durch sich selbst zu Grunde, durch einen Akt der Selbstaufhebung: so will es das Gesetz des Lebens …. […] Dergestalt gieng das Christenthum als Dogma zu Grunde, an seiner eigenen Moral; dergestalt muss nun auch das Christentum als Moral noch zu Grunde gehen, – wir stehen an der Schwelle dieses Ereignisses.“9

Die Askese entstand nach Nietzsche in einem langwierigen Prozess der Umwertung des Begriffspaares „gut“ und „schlecht“. „Schlecht“ kam  demnach von schlicht, einfach, und der Gegensatz bestand zwischen Klassenzugehörigkeiten (gut = edel). Die christlich-moralische Umwertung zum Gegensatzpaar „gut“ (=schwach) – „böse“ (=stark) steht konträr zum Willen zur Macht.

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Der Grund liegt darin, dass „asketische Priester“ zur Kontrolle der schwachen Menschen, des „Ressentiments“, das den Willen zur Macht nicht ausleben kann, die Konnotation des Schwachen positivieren und das Starke negativieren. Diese Askese wurde vom christlichen Dogma eingebunden. Im „Zarathustra“ sagt Nietzsche: „Nur wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben sondern – so lehre ich’s dich – der Wille zur Macht!“10

Nietzsche erkennt in der Moral der „höheren Cultur“11 bereits die Funktionen der Herrschaft von Menschen über Menschen, aber im Vordergrund steht für ihn die Grausamkeit, die in ihr zu Hause ist.
Was ihn zudem für die beiden Erben seiner Werke interessant macht, ist die Aussage, dass moralische Fragen immer eines kritisch-historischen Denkens bedürfen.

„Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler aller Philosophen … Sie wollen nicht lernen, dass der Mensch geworden ist, dass auch das Erkenntnisvermögen geworden ist … Nun ist alles Wesentliche der menschlichen Entwicklung in Urzeiten vor sich gegangen, lange vor jenen Viertausend Jahren, die wir ungefähr kennen; in diesen mag sich der Mensch nicht viel mehr verändert haben. […] Aber alles ist geworden; es giebt keine ewigen Thatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten gibt.“12

Damit legt er den Grundstein für die weiteren sozialkritischen Theorien, wie sie sich bei Foucault und Adorno finden lassen.
In seiner historischen Perspektive teilt er die Epochen nach Herren- und Sklavenmoral ein. Diese Einteilung greift freilich zu kurz, um die Geschichte zu analysieren: Nietzsche spart beispielsweise die jeweiligen Macht- bzw. Herrschaftsverhältnisse aus.13 Die Sklavenmoral ist die asketische Moral, die dem Starken das schlechte Gewissen einredet und die Schwachen qua Umwertung der Moral zu den Überlegenen macht.

Die bloße Machtfokussierung in seiner Gegenwart lässt Vernunft zu einem Machtkonzept der Askese werden. Die Vernunft ist folglich lebensfeindlich und dekadent, denn sie lässt das Sinnliche nicht zu. Das Sinnliche ist zugleich das Leiden, aber auch die Freude am Leben, was, so Nietzsche, die Askese gänzlich nivelliert. „ […] ;aber wer möchte nicht hundertmal lieber sich fürchten, wenn er zugleich bewundern darf, als sich nicht fürchten, aber dabei den ekelhaften Anblick des Mißratenen, Verkleinerten, Verkümmerten, Vergifteten nicht mehr loswerden können?“14

Die Philosophie der Askese, die mit der Aufklärung in die Vernunft Einzug hält, ist in der Welt der „Hass gegen das Leben selbst“15. Dieses Ideal ist das Ressentiment gegen das Leben, als Fortstreben vom irdischen Leben ins Jenseits.
Am Rande sei noch kurz erwähnt, dass Nietzsches poetischer Anspruch an sein Werk auch in den Texten Adornos seinen Niederschlag findet.

Literaturverzeichnis

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1 Fischer (2000): „Ein Geruch von Grausamkeit“, S. 74.
2 Ebd., S. 58 und S. 60.
3 Ebd., S. 60.
4 Nietzsche (1988): „Genealogie der Moral“, S. 158.
5 Weiniger (1998): „Vernunftkritik bei Nietzsche und Horkheimer, Adorno“, S.29.
6 Er bezieht sich auf Denker, die wie er über die Grenzen der Moral hinaus denken.
7 Nietzsche (1988): „Genealogie der Macht“, S. 163.
8 Auch wenn der Unterschied häufig nur minimal ist, da sich das Christentum aus dem Judentum entwickelt hat.
9 Friedrich Nietzsche: „Genealogie der Moral“; in Tanner (1994): „Nietzsche“, S. 106.
10 Nietzsche „Zarathustra“; in: Tanner (1994): „Nietzsche“, S. 96.
11 Nietzsche beschreibt so, vielleicht auch ironisch, das Zeitalter der Aufklärung.
12 Nietzsche „Menschliches, Allzumenschliches“; zitiert nach Fischer „Verwilderte Selbsterhaltung“ (1999): 27f.
13 Vgl. Weiniger (1998): „Vernunftkritik bei Nietzsche und Horkheimer, Adorno“, S. 37ff.
14 Nietzsche „Genealogie der Moral“ zitiert nach Weiniger (1998): „Vernunftkritik bei Nietzsche und Horkheimer, Adorno“, S. 25.

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