Kapitalismuskritik | Adorno und Foucault

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Von der Absurdität dessen, dass Leben selber mehr und mehr zum bloßen Anhängsel eben des Berufslebens wird, das Mittel nicht Zweck des Lebens sein sollte ….
Theodor W. Adorno

Auf der Ebene der Kritik, die Adorno und Foucault verbindet, analysieren beide die Grundlage und den Anfang der modernen, gesellschaftlichen Ökonomie. Beide verorten mit dem aufkommenden Bürgertum einen Bruch in der Geschichte, der eine zunehmende Amortisierung des Kapitals heraufbeschwört. Gemeinsam ist beiden die Überzeugung, dass die Ökonomie und die Macht an derselben Daumenschraube der Gesellschaft drehen. „Die humanistische Idee von Wert und Würde des Menschen wird in das Ökonomische transformiert.“347

Für beide ist der Humanismus nicht die wahre, menschengerechte Gesellschaft. Oberflächlich wird der Mensch zwar in den Mittelpunkt gestellt – aber nur als Untersuchungsobjekt durch die Humanwissenschaften. Im Zentrum der Gesellschaft steht in Wahrheit aber der ökonomische Faktor. Die Transformation des Strafsystems, wie oben dargestellt, war ebenfalls eine Ökonomische – die als humanistisch propagiert wurde.

Dabei waren in Wirklichkeit die Fragen der Finanzierung der Auslöser für eine Änderung, wie Foucault in der Geschichte der Gouvernementalität berichtet.348 Dazu schreibt Foucault: „Der neue Machttyp dagegen, […] war eines der grundlegenden Instrumente bei der Errichtung des Industriekapitalismus und des zu ihm gehörenden Gesellschaftstyps.“349 Adorno würde diese Analyse grundlegend unterstützen, auch für ihn steht die Disziplinierung der arbeitenden Bevölkerung im Fokus der Gesellschaftskritik.

„Der totale Zusammenhang hat die Gestalt, dass alle dem Tauschgesetz sich unterwerfen müssen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen, gleichgültig, ob sie subjektiv von einem Profitmotiv geleitet werden oder nicht.“350

Macht und Geld | Kapitalismuskritik von Adorno und Foucault

Eine große Bedeutung in der Disziplinierungstechnik besitzt die Bereitstellung produktiver und bereitwilliger Arbeitnehmer. So, wie die Disziplinarmacht ihre Funktion in der Schule, im Gefängnis und in der Psychiatrie erfüllt, so ist sie auch in den Fabriken zu finden.351 Vor allem aber ist diesen Disziplinierungen ein neues Verständnis der Zeit zugrunde gelegt, die man minutiös zu zergliedern beginnt. Im ökonomischen Leben breitet sich die Lohnarbeit aus und damit eine genaue Kontrolle, wer seine Zeit wie verbraucht hat. Müßiggang wird als moralische Verschuldung und ökonomische Unzulässigkeit erkannt. Ein Stundenplan hingegen gliedert den Tag gründlich und keine Zeit wird verschwendet.

„Da der menschliche Körper ab dem 17., 18. Jahrhundert im wesentlichen Produktivkraft geworden ist, wurden sämtliche Formen der Verschwendung, die nicht auf diese Verhältnisse, auf die Konstituierung der Produktivkräfte zurückgeführt werden konnten und daher in ihrer Nutzlosigkeit in Erscheinung traten, verbannt, ausgeschlossen, unterdrückt.“352

Wie im Vorangegangenen bereits dargestellt, ist für Adorno und Foucault die Gesellschaft eine vor allem wirtschaftliche Institution. Im Zentrum steht nicht der Mensch, sondern die Ökonomie. Die Disziplinierung oder die „Integration“ soll die totale Verfügbarkeit gewährleisten, um die Maschinerie funktionstüchtig zu halten.

Dieses Paradigma ist eines der grundlegenderen, welches die beiden Denker verbindet. So schreibt Foucault: „Man sucht aber auch, die Qualität der Zeitnutzung zu gewährleisten; ununterbrochene Kontrolle, Druck der Aufseher, Vermeidung aller Quellen von Störung und Zerstreuung. Es geht um die Herstellung einer vollständig nutzbaren Zeit.“353 Er beschreibt, wie sich die arbeitenden Personen verhalten müssen, wann sie essen oder reden dürfen. Dies klingt wie Adornos Homer-Interpretation:
„Die Bestimmung der Barbarei fällt für Homer zusammen mit der, daß kein systematischer Ackerbau betrieben werde und darum noch keine systematische, über die Zeit disponierende Organisation von Arbeit und Gesellschaft erreicht sei.“354

Der Disziplinartechnik entgeht nichts.355 Allem muss nachgegangen werden, stellt Foucault fest. „Die Kleinlichkeit der Reglements, der kleinliche Blick der Inspektionen, die Kontrolle über [die] Werkstätten, …, [verleihen] eine ökonomische oder technische Rationalität.“356

Denn Indolenz wird als von der Norm abweichendes Verhalten in der geschäftigen Gesellschaft aufgefasst. Adorno erkennt die fortschreitende Überwachung ebenfalls und beschreibt sie in der Art, wie Foucault über das Panopticon schreibt:
„Die Glasfenster moderner Büros, die Riesensäle, in denen zahllose Angestellte gemeinsam Platz finden und vom Publikum wie von den Managern leicht zu überwachen sind, gestatten keine Privatunterhaltungen und Idyllen mehr. […] Sie sind im Kollektiv isoliert.“357

Literaturverzeichnis

347 Behrens (2003): „Adorno-ABC“, S. 94.
348 Foucault (2004): „Geschichte der Gouvernementalität“, S. 18f.
349 Foucault (1999): „In Verteidigung der Gesellschaft“, S. 46.
350 Adorno (1995): „Gesellschaft“, S. 14.
351 „Foucault (2005): „Analytik der Macht“, S. 229.
352 Foucault (1999): „In Verteidigung der Gesellschaft“, S. 40.
353 Foucault (1994): „Überwachen und Strafen“, S. 193.
354 Horkheimer/Adorno (2003): „Dialektik der Aufklärung“, S. 71.
355 Foucault (2004): „Geschichte der Gouvernementalität“, S. 74.
356 Foucault (1994): „Überwachen und Strafen“, S. 180.
357 Horkheimer/Adorno (2003): „Dialektik der Aufklärung“, S. 252.

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