Gesellschaftskritik von Nietzsche, Adorno und Foucault

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Die Gemeinsamkeiten zwischen den Perspektiven … der kritischen Theorie Adornos und Horkheimer und Michel Foucaults sind unübersehbar: Alle drei Positionen zeichnen ein äußerst düsteres Bild der modernen Gesellschaft.
Markus Schroer

In seinem Buch ‚Genealogie der Moral’ hat Nietzsche die Gesellschaft in einem Wandel begriffen – den Anfang vom Ende. Nach dem „Gesetz des Lebens“ kommt es zur Selbstaufhebung317 der christlichen Kultur318 „und dergestalt muss nun auch das Christentum als Moral noch zu Grunde gehen, …“319. Er lehnt die abendländische Philosophie wegen ihrer irrationalen Vernunft ab. Diese Philosophie führe zur Gleichförmigkeit.320 Zu diesem Schluss der Vereinheitlichung unter dem herrschenden Zustand kommen auch Foucault und Adorno.

Macht und Gesellschaft

Nach Foucaults Analyse bestimmen u. a. die Diskurse, die Macht und die Selbsttechniken die Gesellschaft. Verhalten oder Seins-Arten, die nicht der Norm entsprechen, werden zwangsnormalisiert. Foucault nennt die Gesellschaft ein „Kerkersystem“321, Adorno nennt sie ein „Freiluftgefängnis“322. Die Gesellschaft ist dem Vorbild des Gefängnisses bzw. aller totalen Institutionen nachgeahmt. Breuers Interpretation323 zu ‚Überwachen und Strafen’ zieht sodann die Schlussfolgerung, dass die Gesellschaft selbst zum Gefängnis geworden ist. Der Strafvollzug ist zwar nicht der Ursprung, aber doch der bedeutendste Zweig der Disziplinierung.

Auch Adorno hat sich damit beschäftigt. Selbst die Trennung zwischen dem heutigen und dem feudalen Strafsystem hat er herausgearbeitet.324 „Der Mensch im Zuchthaus ist das virtuelle Bilde des bürgerlichen Typus, zu dem er sich in der Wirklichkeit erst machen soll.“325 Weiter führt er – ganz im Foucault’schen Sinne – aus, dass die Trennung zwischen Gefängnissen und Irrenhäusern nur namentlich existiert.

Die Arbeit ist die Strafe, „weil die gesamte Arbeitskraft der Nationen [den Machthabern] als Beute zugefallen ist. Die Freiheitsstrafe verblasst vor der gesellschaftlichen Wirklichkeit.“326

Wenn Foucault also sagt, dass das Panopticon327 ein Synonym für die Gesellschaft darstellt, so würde Adorno dieser Metapher gewiss zustimmen, da er die Gesellschaft als Gefängnis bezeichnet.

„Wir leben nicht einem neutralen, leeren Raum, wir leben, sterben, lieben nicht im Rechteck eines Blatt Papiers, sondern in einem gerasterten, zugeschnittenen Raum, […]. Die Räume, welche die Gesellschaft an ihren leeren Rändern bereit hält, sind den Individuen vorbehalten, deren Verhalten vom Durchschnitt oder von der geforderten Norm abweicht.“328

Diese Räume sind bei Foucault die Psychiatrie, Gefängnisse und selbst Altersheime, in welchen die Menschen „… nicht den Anstand haben … an einem Herzinfarkt zu sterben“329.

Analog dazu beschreibt Adorno, dass nicht der reale Tod, sondern der soziale Tod die Konsequenz von nicht geeichtem Verhalten ist.
„Wer sich nicht nach den ökonomischen Regeln verhält, wird heutzutage selten sogleich untergehen. Aber am Horizont zeichnet die Deklassierung sich ab. […]: die Weigerung, mitzuspielen, macht verdächtig und setzt selbst den der gesellschaftlichen Rache aus, der noch nicht zu hungern und unter Brücken zu schlafen braucht.“330

Bei Foucault steht das Panopticon als das Paradebeispiel der Disziplinartechniken, die sich durch die Gesellschaft ziehen. Daher ist das Panopticon bei Foucault gleichzusetzen mit der Gesellschaft an sich. Das Individuum ist an diese Gesellschaft ganz angepasst. Adorno teilt diese Perspektive, wobei er den Ausdruck: „angepasst“ sozialdarwinistisch versteht.331

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Das Panopticon vereinigt symbolisch die grundlegenden Disziplinartechniken in sich. Es beinhaltet die totale Überwachung durch permanent mögliche Sichtbarkeit. Hierbei sind die Überwacher nicht zu sehen, sie können aber jederzeit Einsicht nehmen. Eine Konsequenz dieser Technik ist die individualisierte Selbsttechnik. So schreibt Foucault: „… der Panoptismus stellte das allgemein verbreitete technische Zwangsverfahren dar“332.

Foucaults Disziplinierungstheorie und Adornos totalitäre Gesellschaft beinhalten, dass die Gesellschaft auf das Individuum zunächst als Zwang einwirkt. Bei beiden Denkern ist unumstößlich, dass sie die Gesellschaft als totalitär betrachten. Adorno schreibt, „… [dass es] kein soziales Faktum [gibt], das nicht durch Gesellschaft determiniert wäre“333.

Wie bereits angesprochen, verortet Foucault den Ursprung der Disziplinierungen in totalen Institutionen wie Klöster oder Kasernen.
„Das Bürgertum hat diese Disziplinierung sehr schnell in die Erziehung transferiert. Der Weg zur gesellschaftlichen Disziplin, durch Schulen, war offen. Um diese immense Aufgabe zu gewährleisten, war eine ‚Überwachung alle Momente’ notwendig.“334

Gesellschaft und das Individuum

Foucault nennt das auch die „individualisierende Technologie der Macht“ und meint damit die Disziplinar- oder Selbsttechnik. Dieser kann man nicht entkommen.335 Foucault hat, wahrscheinlich aufbauend auf Nietzsche, die Verbreitung der Macht in der Ausdehnung der „Pastoralmacht“ gesehen, wobei es nicht mehr um das Seelenheil, sondern – ganz pragmatisch – um das irdische Heil geht. Dieser Wechsel von der kirchlichen Institution auf die Gesellschaft war jetzt durch gesellschaftliche Institutionen wie Arbeitgeber, Familie oder Medizin gesichert. Adorno bezugnehmend auf Nietzsche und die christliche Askese, kommt zum selben Ergebnis:

„In der Dominanz des gesellschaftlichen Allgemeinen über den Einzelnen, in der Ohnmacht der Individuen vor den Organisationsformen ihrer Gesellschaft, in der Unterwerfung unter die Allmacht des Tauschprinzips als Maß aller Dinge spiegelt sich die Dialektik odysseischer Selbsterhaltung – als Entsagung und Selbstverleugnung, der keiner entrinnen kann.“336

Foucault schreibt, dass die Gesellschaft die Menschen normalisieren will, um beispielsweise die Irren von den Normalen zu trennen und das aufgrund der durch die Vernunft gebotenen Wissenschaften. „… im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts sind die Disziplinen zu allgemeinen Herrschaftsformen geworden.“337

Adorno sieht im Willen der Gesellschaft, die Menschen zu „normalisieren“, eben auch die Möglichkeit der Herrschaft, die Menschen zu unterdrücken. Eine Herrschaft von Menschen über Menschen. Die Normen richten die Menschen nach dem herrschaftlich erwünschten Bild, würde Foucault ergänzen und Adorno würde dem, mit Blick auf den Antisemitismus, zustimmen.

Ein Leben außerhalb der Gesellschaft ist laut Adorno nicht möglich. Alles im Leben und das Leben selbst ist auf die Allgemeinheit bezogen.338 Foucault, darauf weist Judith Butler hin, betrachtet dies ähnlich, denn die Normen der Gesellschaft werden reflexiv zur Ethik der Individuen.339

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Wie Foucault sieht Adorno ein Merkmal der totalen Gesellschaft darin, dass sich nichts der Kontrolle entziehen kann, so auch nicht der Arme, der in Würde arm leben will. Vor dem Wandel der Aufklärung, was Foucault an der „Geburt des Gefängnisses“ sichtbar macht, entzog sich zu viel der Macht340, weswegen die moderne Macht eine permanente Kontrolle braucht, um die Individuen solcherart zu erziehen, dass sie perfekt in der Gesellschaft aufgehen können.341 Adorno nennt das Subjekt aus jenem Grunde auch einen „Verkehrsknotenpunkt“.342 Die Zeiten sind vorbei, könnte man sagen, in der es ein Leben jenseits des gesellschaftlichen Ganzen gab. Denn jetzt ist der Arme nicht nur zwangsmäßig der Medizin und der Arbeit zugeteilt, nun ist das mittellose Subjekt, wie Adorno schreibt, „verdächtig“.

Der Unterschied in der Frage der Disziplinartechniken ist, dass sich Adorno mehr mit dem Theoretischen und den daraus resultierenden Konsequenzen beschäftigt hat. Beide sind sich einig, dass diese existieren.

Die Menschen dürfen nicht auffallen, weil dies die Repression der Öffentlichkeit nach sich ziehen würde. Das Zwangssystem der Gesellschaft fordert (Pseudo-)Individualisierung, verbietet diese jedoch in Wirklichkeit. Individualisierung ist nur insofern von gesellschaftlichem Interesse, solange sie produktiv ist und der Generierung eines Mehrwerts dient. Daher wiegt die Überwachung so schwer. Nonkonformistisches Verhalten wird auffällig, weil dadurch der Mensch beispielsweise auch straffällig werden kann.

Abweichung vom „Mainstream“ bleibt unerwünscht. Die Strafe gibt also nur vor, den Rechtsbrecher wieder in die Ordnung einzubinden, de facto wird der zu Bestrafende erst recht gesellschaftlich gebrandmarkt. Das Strafsystem haben Adorno und Foucault als Herrschafts-/Machtmittel entlarvt, denn die moderne Gesellschaft ist ein Gefängnis. Nonkonformität bedeutet nicht den Ausschluss aus der Gesellschaft, als vielmehr die besondere Inklusion. Nonkonformität ist überflüssig und als solches werden die Menschen behandelt.

„Die juristische Gesellschaft war die monarchische … . Wir sind hier [heute] also in einer Welt der Disziplin, in einer Welt der Regulierung. […] [Wir leben] in einer Gesellschaft …, in der das Verbrechen nicht mehr nur und vor allem eine Gesetzesübertretung darstellt, sondern in allererster Linie eine Abweichung von der Norm.“343

Die Macht aber ist auch in der Art ein Beziehungsgeflecht, in der jeder seiner Position zugeordnet ist. Also nimmt ein jeder in der Gesellschaft seine Position ein. Dies ist nur durch die totale Gesellschaft mit entsprechend disziplinierten Individuen möglich Ähnlich beschreibt Adorno diesen Zustand:
„Generell muss jeder Einzelne, um sein Leben zu fristen, eine Funktion auf sich nehmen und wird gelehrt, zu danken, solange er eine hat. […] Der mit Gesellschaft gemeinste ist nicht in sich rational kontinuierlich. Er ist auch nicht das Universum seiner Elemente; bloß eine dynamische Kategorie, sondern eine funktionale.“344

Foucaults Ansicht nach bedarf es der Durchsetzung der Ökonomie und des Politischen der Bio-Macht. Der Einzelne ist durch die Disziplinierung dazu bereit. Die Bevölkerung wird qua Bio-Politik darauf eingestellt, dass jeder und jede die ihnen vorbestimmten Funktionen ausführt.

„Die Multiplizität der Individuen ist nicht mehr relevant, die Bevölkerung schon. Dies Zäsur im Inneren dessen, was die Totalität der Untertanen oder Einwohner eines Königreichs ausmachte, ist keine wirkliche Zäsur. Es gibt nicht die einen oder die anderen. Doch im Inneren der Wissens-Macht selbst, im Inneren der Technologie selbst und der ökonomischen Verwaltung, gibt es diesen Einschnitt zwischen der relevanten Ebene der Bevölkerung und der nicht relevanten Ebene oder auch schlicht der instrumentalen Ebene.“345

Der Übergang zu den milderen Strafen – weg vom Martern – ist, so Foucault, auch durch die Zunahme der Eigentumsdelikte zu vermerken. Die Täter, schreibt Foucault, waren früher „erschöpfte, schlecht genährte Menschen, jähzornige Männer des Augenblicks“346, die Täter heute sind klug und nicht auf Brutalität aus; sie wollen Geld. Damals war es möglich außerhalb der Gesellschaft zu stehen, es konnte ein Leben außerhalb der Legitimität aufgebaut werden. Heute ist das aufgrund der übergreifenden Überwachung kaum mehr möglich. Bei Foucault und Adorno laufen die Gedanken oft in Richtung Kapitalismuskritik. Beide zeigen auf, dass die Disziplinierung dazu verwandt wird, die Menschen zu produktiven Menschen zu machen.

Literaturverzeichnis: Gesellschaftskritik von Nietzsche, Adorno und Foucault

317 Nietzsche (1988): „Genealogie der Moral“, Kap. 3, S. 27.
318 Bei Nietzsche kann man Kultur mit Gesellschaft gleichsetzen.
319 Ebd.
320 Tanner (1994): „Nietzsche“, S. 26.
321 Foucault (1994): „Überwachen und Strafen“, S. 379ff.
322 Adorno (1995): „Kulturkritik und Gesellschaft“, S. 25.
323 Vgl. und siehe bei Schroer (2001): „Das Individuum der Gesellschaft“, S. 102.
324 Horkheimer/ Adorno (2003): „Dialektik der Aufklärung“, S. 239f.
325 Ebd.
326 Ebd., S. 242.
327 Das Panopticon ist eine Form eines Gefängnisses, in welcher der Überwacher alles sehen kann. Der Überwachte hingegen sieht nicht, ob er überwacht wird, muss aber davon ausgehen. Dadurch diszipliniert sich der Überwachte selbst.
328 Foucault (2003): zitiert nach dem Film „Foucault – der Philosoph“.
329 Foucault (2003): ebd.
330 Adorno (1995): „Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie“, S. 47.
331 Adorno (1995): „Gesellschaft“, S. 16.
332 Foucault (1994): „Überwachen und Strafen“, S. 285.
333 Adorno (1995): „Gesellschaft“, S. 10.
334 Foucault (1999): „Botschaften der Macht“, S. 183.
335 Vgl. Foucault (2004): „Geschichte der Gouvernementalität“, S.74.
336 Kager (1988): „Herrschaft und Versöhnung“, S. 110.
337 Foucault (1994): „Überwachen und Strafen“, S. 176.
338 Adorno (2003): „Negative Dialektik“, S. 271.
339 Vgl. Butler (2003): „Kritik der ethischen Gewalt“, S. 9f.
340 Damit sind nicht nur Individuen gemeint, sondern auch Wirtschaftsströme.
341 Foucault (2005): „Analytik der Macht“, S. 227.
342 Horkheimer/ Adorno (2003): „Dialektik der Aufklärung“, S. 164.
343 Foucault (2005): „Analytik der Macht“, S. 237.
344 Adorno (1995): „Gesellschaft“, S. 9.
345 Foucault (2004): „Geschichte der Gouvernementalität“, S. 70.
346 Foucault (1994): „Überwachen und Strafen“, S. 96.

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  1. Allsehender NSA ist der neue Gott | Davids Welt - 4. November 2013

    […] Die Macht entspricht der Pastoralmacht, wie Foucault sie beschrieben hat. Er nahm als Beispiel das Panopticon, das Gefängnis des Architekten Bentham. Das revolutionäre an diesem Bau ist, dass der Wächter nicht gesehen wird und der Gefangene nicht weiß, ob er vom Wächter gesehen wird. Theoretisch könnte er immer schauen, aber der Gefangene weiß es nicht. Dadurch verhält sich der Gefangene wie man es von ihm erwartet. Wem das zu viel ist, gibt es auf  denker.net eine kurze Zusammenfassung und etwas wissenschaftlicher auf dem Soziologie & Politik Blog. […]

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